Pflege in Ludwigsburg – mehr Häuptlinge, mehr Indianer

Veröffentlicht am 24.04.2018 in Veranstaltungen

Indianer der Pflege: Michaela Sowoidnich (vl), Haike Dierbach, Nathanael Meier, Hagen Klee und Franziska Bach

„Wo sind all die Indianer hin …?“ dieser Song klingt in Gedanken an, wenn im Haus der SPD die Situation Pflege zur Sprache kommt. Pur die Erfolgsband aus der Region beschreibt in ihrem Lied die große Sehnsucht nach wahrhaft selbstlosen und großherzigen Menschen. Solche Menschen wünschen wir uns an unserer Seite, wenn wir krank, schwach und pflegebedürftig sind. Heike Dierbach, Michaela Sowoidnich, Hagen Klee und Franziska Bach arbeiten in der Pflege und sind von Beruf Indianer. Sie schildern ihren Alltag, ihre Sorgen und Erfolge.

Die Pflege steckt in der Krise, das ist der eindeutige Befund der Abendveranstaltung im Haus der SPD. Insbesondere fehlt es an dringend benötigten Fachkräften. Derzeit sind 70.000 Stellen unbesetzt, bleibt der Trend bestehen an so sind im Jahr 2030 bis zu 300.000 fehlende Pfleger und Pflegerinnen, so eine Studie von Verdi der Dienstleistungsgewerkschaft. Diese Prognose bereitet den Beschäftigten, zu den pflegenden Menschen und deren Angehörigen große Sorge. Der Blick richtet sich daher auf den Nachwuchs und der aktuellen Ausbildungssituation und möglichen Verbesserungen.

Über den Stand der Ausbildung weiß Franziska Bach am nächsten zu Berichten. Vor vier Jahren begann sie mit ihrer Ausbildung zur Krankenpflegerin ihre Karriere in der Pflege. Derzeit studiert sie an der Evangelischen Hochschule Pflege. Dieser neu geschaffene Bachelor hat den Anspruch zum Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse aus der Pflegewissenschaft in die Arbeitspraxis und umgekehrt.

Von Bachs Klassenkameraden hätten viele die Ausbildung abgebrochen. Die ständigen Personalengpässe und harten körperlichen Arbeit sei frustrierend gewesen. Aus ihrer späteren Berufspraxis kann Franziska Bach sagen, die Situation der Auszubildenden gleicht der im späteren Berufsleben.
Hagen Klee Krankenpfleger und Betriebsratsmitglied im Klinikum Ludwigsburg kann dem nur zustimmen. „Als Auszubildender wird man in die Pflege geworfen, wie eine examinierte Fachkraft.“ Allein, es fehlt ihnen Ausbildung und an Jahren der Erfahrung. Die Auszubildenden seien die leidtragenden der chronischen Unterbesetzung. In den Krankenhäusern ist ein Betreuungsschlüssel von eins zu 30 üblich, das heißt auf einen Patienten kommt eine examinierte Fachkraft. In Spitzenzeiten seien die Verhältnisse erheblich schlechter. Dies hat folgenreiche Konsequenzen für die Patienten. Hagen Klee warnt: „Im Krankenhaus ist eine Besetzung von eins zu 50 nicht zu handhaben, da wird schnell gestorben.“

Dem Problem Fachkräftemangel begegnet auch Michaela Sowoidnich täglich. Sie arbeitet seit 1983 in der Pflege. Ihre Berufslaufbahn begann sie als Altenpflegerin. Heute ist sie Regionaldirektorin der Evangelischen Heimstiftung in Ludwigsburg. In ihrer Einrichtung kann sie derzeit 20 freie Pflegeplätze nicht belegen. Es fehlt an fachlich qualifiziertem Personal. Sie sagt, die Pflege ist einer der stärksten regulierten und kontrollierten Wirtschaftszweige. Ein Betreuungsschlüssel von eins zu 45 im Nachtdienst ist laut den Anforderungen stets zu garantieren. Zwar hätten sich die Verhältnisse in den letzten Jahren stetig leicht verbessert, „in der Praxis ist das aber nicht spürbar, weil gleichzeitig der Pflegebedarf gestiegen ist.“

Dies sei auf die demografische Entwicklung zurückzuführen, sagt Michaela Sowoidnich. Die Menschen werden immer älter, damit einhergehend steigt die Anzahl multipler Erkrankungen. Die notwendige Betreuung wird dadurch zunehmend intensiver. Zugleich finden sich in wachsender Zahl ältere Patienten in den Krankenhäusern wieder. Diese und ihre Angehörigen gilt es auch sozial zu betreuen. In der Vergangenheit lag in den Seniorenheimen auf der Arbeitsschwerpunkt auf der Sozialen-Pflege, in den Krankenhäusern hingegen auf der Betreuungs-Pflege. Diese Abgrenzung ist so nicht mehr anwendbar. Alten- und Krankenpflege sind daher von der Qualität der Ausbildung formal gleichgestellt. Zwischen den Krankenhäusern und Altenpflegeeinrichtungen entbrennt ein Wettbewerb um die besten Pflegekräfte.

Heike Dierbach hat als einzige der Gäste keinen Pflegeberuf erlernt. Sie ist Sozialgerontologin.
Als Fachbereichsleiterin Soziales und Pflege am Landratsamt Ludwigsburg setzt sie sich für eine bessere medizinischen Versorgung und Pflege älterer Menschen ein. Das Problem des Fachkräftemangels ist ihr vertraut. In einer Studie des Landratsamts aus dem vergangenen Jahr, gaben über 80 Prozent der befragten Pflegeeinrichtungen an, der Personalmangel sei ihr größtes Problem.
Sie gibt aber zu bedenken, dass bei der Diskussion des Fachkräftemangels man die Pflege durch Angehörige nicht vernachlässigen dürfe. Statistisch findet die Pflege zu einem Drittel stationär und zu zwei Dritteln ambulant statt. In der ambulanten Pflege werden wiederum zwei Drittel der Menschen durch ihre unmittelbaren Angehörigen betreut. Dies bedeutet 45 Prozent der Pflege in Deutschland leisten die Bürger, „sie sind der größte Pflegedienst der Nation.“ Aber gerade den Angehörigen fehlt oftmals wichtige Fähigkeiten, das Fachwissen und Netzwerke.

Wie hebe ich meinen Angehörigen aus dem Bett? Wie pflege ich den Intimbereich? Was muss ich bei der Beurteilung der Pflegestufe beachten? Antworten auf diese gibt hier der Pflegestützpunkt des Landkreises. 2011 wurde er zusammen mit 48 weiteren im Baden-Würrtemberg eingerichtet, um zu beraten und passgenaue Hilfe zu koordinieren. Die Mitarbeiter, viele selbst examinierte Pflegekräfte und mehrfach qualifiziert, beraten hier zu allen Fragen rund um die Pflegebedürftigkeit und helfen ganz konkret bei der Bearbeitung von Anträgen und Formularen.

Hier hakt Nathanael Maier nach, der die Diskussion moderiert. Er selbst studiert soziale Arbeit an der EH. Er ist sozusagen Indianernachwuchs, gehört also zur großen Gruppe jener dringend gesuchten Menschen für die Hilfe eine Berufung ist. Als Student wohnt er als Teil eines Wohnprojektes in einem Pflegeheim und ist täglich mit der Notwendigkeit der Pflege vertraut. Seine Sorge gilt dem Zustand der Pflege und insbesondere der Ausbildung. „Bei einem massiven Fachkräftemangel und hohem Anspruch an Fachwissen und Fähigkeiten“, möchte er wissen, „Wie sieht es mit der Bezahlung aus?“

Eine ausgebildete Pflegekraft verdient in ihrem ersten Berufsjahr 2.900 Euro brutto, sagt Michaela Sowoidnich. Für einen Alleinstehendem entspricht dies einem Nettoeinkommen von 1850 Euro. Damit sei die Bezahlung zwar besser als in vielen anderen Berufsgruppen, wie beispielsweise im Handwerk, es sei aber dennoch zu wenig, wenn man die Qualifikation, Verantwortung und Arbeitsbelastung bedenkt.
Dem kann Hagen Klee nur zustimmen. Als Betriebsrat und Verdi Mitglied findet er die aktuellen Forderungen nach sechs Prozent mehr Lohn in dieser Tarifrunde nur angemessen. Insgesamt teilt er aber die Position von SPD-Gesundheitsexperten Karl-Lauterbach, der 30 Prozent mehr Gehalt fordert.
Aber reicht ein höheres Gehalt auch aus, um mehr Menschen für den Beruf der Pflege zu gewinnen?

„Junge Menschen sind schwierig für den Beruf zu motivieren, weil ein negatives Bild vorherrscht“, sagt Franziska Bach. „Dabei kann man mit der richtigen Pflege soviel bewegen.“ Auf ihrer studentischen Ausbildungsstation konnte sie neueste Konzepte und Methoden aus der Wissenschaft in der Praxis anwenden und substantielle Verbesserungen nachweisen. Die Verhältnisse hier seien natürlich den Berufsalltag nicht eins zu eins übertragbar. Aber es zeigt ihr, wie wichtig richtige Pflege über den Erfolg der medizinischen Genesung ist.

Heike Dierbach kann dem nur zustimmen. Man braucht die universitäre Ausbildung zur Festlegung von Pflegestandards und zur Sicherung der Qualität. Die Pflege erlebe ihre wissenschaftliche Emanzipation, aber noch hinke man im europäischen Vergleich, deutlich hinterher. Außerdem sei das Studium dringend notwendig, weil es zusätzliche berufliche Aufstiegschancen und Perspektiven bietet.

Angesichts des massiven Personalnotstands sieht Hagen Klee das anders: „Wir brauchen nicht mehr Häuptlinge, wir brauchen mehr Indianer.“ und meint damit mehr unmittelbaren Dienst am Patienten, anstelle einer ausufernden Hierarchie. Ihn treibt die Sorge um, die Akademisierung des Berufsstandes treibt die Menschen weg von den Betten.

„Wir brauchen mehr Häuptlinge und mehr Indianer,“ ergänzt Heike Dierbach. Dem kann auch Franziska Bach nur zustimmen. In ihren Studiengang sind von 35 Studenten zu Beginn des Studiums nur noch 18 übrig. Dies sei zum einen der konkreten Lebenssituation der Studenten zuzuordnen, zum anderen aber auch der fehlenden beruflichen Perspektive. Im Gegensatz zu den etablierten Pflegestudiengängen, wie Pflege-Management oder Pflege-Pädagogik, ist ihr späteres Berufsfeld nicht eindeutig umrissen. Ihr spätere Arbeitsstelle ist noch unklar.

Für Franziska Bach stet jedoch fest, dass sie mit ihrem Fachwissen weiter nah am Patienten arbeiten möchte. „Um jedoch mehr Auszubildende und Studenten für die Pflege zu begeistern brauch es einen Wechsel der öffentlichen Wahrnehmung. Die positiven Aspekte im Beruf müssen stärker betont werden.“, betont sie. Das sieht Hagen Klee anders. „Ich liebe meinen Beruf, der so dicht am Leben, der Geburt und dem Sterben steht.“ Als Mensch wachse man hier hinein. Dieser Beruf, der so intim mit dem Leben der zu pflegenden Menschen verbunden ist, bereichert ihn alltäglich.
Angesichts der horrenden Pflegenotstandes, brauche es aber einen kritischen Blick. Die aktuelle Personaldichte lasse es nicht zu, dass er seine Arbeit nach seinem besten Wissen und Gewissen ausführen kann. Sein gelerntes Fachwissen aus Ausbildung und Schulungen komme kaum zur Anwendung. Die Zeit, berichtet er, reicht manchmal nicht für den Gang aufs Klo. acht Stunden Dienst ohne Toilette sei nicht tragbar.

„Verbessert die Situation in der Pflege, dann machen wir auch Werbung für unseren Beruf.“ fordert daher Nadja Schmidt aus dem Publikum.

Allen Beteiligten ist klar, es braucht tief greifende Reform in der Pflege, um bessere Rahmenbedingungen zu gewährleisten. Das die GroKo das Problem hinreichend angeht, mag Heiner Klee nicht glauben. Es brauche eine Entkopplung der finanziellen Interessen, sonst werden Pfleger und Pflegende stets gegeneinander ausgespielt, sagt Heike Dierbach und verweist dabei auf die bundesweite Initiative Pro-Pflegereform. Die Politik ist gefordert endlich zu handeln, so der einstimmige Wunsch aller Gäste, gerade mit sorgenvollen Blick auf den Nachwuchs.

Heike Dierbach, Michaela Sowoidnich, Hagen Klee und Franziska Bach, so klingt es zum Abschluss des Abends an, sind „ein paar wenige vom Stamme der Schoschonen. Die finden sich, erkennen sich am Blick.“
Wir brauchen dringend Menschen wie sie. Es muss gelingen Menschen dauerhaft für den Beruf Pflege zu begeistern.

 

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